„Versuch in meinen Schuhe zu gehen. Du wirst in meinen Spuren stolpern.“ Ungefähr so lauten die Zeilen eines bekannten Songs. Das Sprichwort dahinter ist älter, der Kern der Aussage bleibt: möchtest du das Leben eines anderen beurteilen, gar verurteilen, versuche einen Tag in seinen Schuhe zu laufen.

Wir können nie ermessen, wie ein Mensch oder ein anders Lebewesen sich fühlt. Wir können nie die Welt aus seiner Sicht wahrnehmen und er sie nicht aus der unsrigen. Die Welt wie ich sie erlebe, ist einzigartig. Sie ist nur für mich so. Jede Wahrheit, jede Wahrnehmung ist individuell.

Dies anzuerkennen, fällt uns bereits im zwischenmenschlichen Miteinander verdammt schwer. Wir regen uns über unseren Partner auf, über unsere Arbeitskollegen, den Autofahrer neben uns, die Verkäuferin im Supermarkt… Warum erkennt mein Mann nicht, wie wichtig mir der Hochzeitstag gewesen wäre? Warum ist die da hinter der Theke so langsam? Und lächeln kann sie wohl auch nicht. Und der Kollege erst wieder! Was für ein Besserwisser! Und so weiter und so fort. Man selbst würde das natürlich alles total anders machen! Oder?

Aber, wie sieht die Welt aus der Sicht des Gegenübers aus? Und erst aus der Sicht unserer Tiere?

Natürlich können wir uns über ihre Sinneswahrnehmung schlau machen. Wir wissen, wie unsere Hunde sehen, Bilder simulieren uns das. Mit dem Riechen hört es schon wieder auf. Die Geruchswelt unserer Vierbeiner können wir in Zahlen erfassen, wirklich erschließen können wir sie nicht. Werden wir auch nie. Ebenso wissen wir nicht wie es ist, im Infra- oder Ultraschallbereich zu hören. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, mit Hufen zu laufen, oder sich seine eigene Nase ablecken zu können. Schon versucht?

Aber viel spannender wird es, wenn wir in die Gefühlswelt unserer Tiere schlüpfen wollen.

Tierische Gefühle sind wissenschaftlich kein Novum mehr. Die düsteren Zeiten von Descartes und Co sind glücklicherweise vorbei. Und auch der Behaviorismus ist passe. Kein Tier ist eine Blackbox. Wir wissen, das Haus- als auch Wildtiere trauern, dass sie eifersüchtig sein können, altruistisch und emphatisch. Sie haben -je nach Tierart- ein Verständnis für Moral, Gerechtigkeit und Vergebung. Sie sind wie wir. Wir sind wie sie.

Worauf ich hinaus will, ist der alltägliche Perspektivwechsel in unserem Leben mit Tieren.

Was empfindet mein Hund, wenn er sich zum Beispiel über den Nachbarn aufregt? Wie viele Sichtweisen hat diese Situation tagtäglich im Treppenhaus oder am Gartenzaun:

– Es ist mir peinlich, warum hörst du nicht endlich auf damit. Kommt vielleicht vom Hundehalter.
– Blöde Töle, nerv nicht. Denkt der Nachbar.
– Territorialverhalten. Mag der ein oder andere Trainer sagen.
– Frauchen, der Typ ist mir unheimlich. Ich will ihn nicht in unserer Nähe. Denk der Hund.

Wer hat nun Recht?

Jeder!

Ja, jeder. Denn jeder beurteilt die Situation aus seiner Sicht. Und hat damit Recht.

Und das macht es eigentlich überflüssig, Handlungen unserer Tiere auf Recht oder Unrecht zu überprüfen. Hat mein Hund das Recht, den Nachbarn anzubellen? Aus seiner Sicht ja. Aus meiner nicht (vielleicht insgeheim doch, wir vertrauen unserer Intuition nur nicht). Ausschlaggebend für die zukünftige Gestaltung der Situation wird unterm Strich meist die gesellschaftliche Erwartung sein. Mein Hund darf einfach nicht ständig dieses Theater machen. Punkt.

Wenn ich nun versuche, in seinen Spuren zu gehen, seine Sprache zu lernen, seine Gefühle zu fühlen, was passiert dann?

Was geschieht, wenn ich mit ganzem Herzen in die Welt meines Hundes oder Pferdes eintauche? Ich werde etwas zutiefst Menschliches erleben!

Mein Empfinden der Situation wird mindestens um eine, vielleicht sogar um mehrere Facetten reicher werden. Mein Unverständnis und meine Wut werden kleiner.

Es entsteht Raum für ein neues Miteinander. Unser Training wird effektiver. Unsere Beziehung stärker. Unser Vertrauen ineinander größer. Jedes Mal ein wenig mehr. Was dabei zählt ist der Wille, sich auf eine andere Sicht einzulassen. Vielleicht gelingt das nicht immer. Aber durchaus immer öfter.

Wenn ich meinem Tier vermittle, dass ich es verstehe und bereit bin, mir die Welt mit seinen Augen und seinem Herzen anzuschauen, wird nicht nur mein Tier davon partizipieren, sondern auch mein eigener Horizont sich deutlich erweitern.

Für einen entspannten Alltag mit Hunden, Katzen, Pferden und anderen Gefährten, sind Empathie und Mitgefühl maßgebliche Säulen – und darüber hinaus die Akzeptanz, dass Wahrheit und Realität sehr vielschichtig sein können.

Auf diesem Weg kann jeder Tierhalter zum Entdeckungsreisenden eines anderen Universums werden! Es braucht nur ein wenig Mut.

Viel Erfolg dabei! Ich freue mich auf Berichte.

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